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Rezensionen - Fury, The

Die Rezensionen sind das Herzstück unseres Magazins. In diesen ausführlichen Besprechungen versuchen wir, möglichst umfassend und präzise einen Eindruck der jeweiligen Musik zu vermitteln. Die Rezensionen sollen als Kaufentscheidung und natürlich ebenfalls zur Unterhaltung dienen. Die Bewertungen orientieren sich dabei  in aller Regel  an der Tradition abendländischer Sinfonik. Um nähere Informationen zum Aufbau der Rezensionen und dem Bewertungssystem zu erhalten, folgen Sie bitte diesem Link.

 

Unten sehen Sie die Auflistung aller Rezensionen. Für eine Liste aller verfügbaren Texte gehen Sie bitte in die Gesamtübersicht.

 

 



John Williams
-

Als 1973 Der Exorzist in die Kinos kam, trat dieser Film eine Lawine von Filmen los, die sich mit übernatürlichen Ereignissen und Protagonisten mit telekinetischen Fähigkeiten beschäftigten, wobei oft auf beeindruckende visuelle Schockeffekte gesetzt wurde. Somit wurde das Anfang der 70er Jahre äußerst populäre Katastrophengenre abgelöst, in denen Unmengen von Statisten und Protagonisten möglichst spektakulär durch riesige Feuer, Naturereignisse oder Unfälle dahingerafft wurden. Nun waren es die übernatürlichen Phänomene, die den Personen auf der Leinwand zusetzten. Es muss wahrscheinlich nicht extra erwähnt werden, dass viele solcher cineastischen Trittbrettfahrer inklusive der Fortsetzungen des Exorzisten, nicht ansatzweise an das Vorbild heranreichen. Als 1978 Brian De Palmas Film The Fury (dt.: Teufelskreis Alpha) erschien, hatte das Publikum mittlerweile schon zu viele blutende Augen, zerplatzende Köpfe und telekinetisch ausgeführte Gräueltaten gesehen. Doch nicht nur diese Tatsache, sondern auch deutliche Schwächen des Drehbuchs erklären die recht seltene Erwähnung dieses Films, der zwar durch die Bank nicht schlecht ist und einige tolle Szenen enthält, aber durch die äußerst überdrehte Handlung des von John Farris nach seinem eigenen Roman verfassten Drehbuch einiges einbüßt: Peter Sandzas (Kirk Douglas) Sohn Robin verfügt über telekinetische Fähigkeiten und wird von Sandzas ehemaligen Kollegen Childress (John Cassavates) entführt, mit dem er gemeinsam in einer Geheimorganisation gearbeitet hat. Sandza macht die ebenfalls mit übernatürlichen Kräften ausgestattete junge Gillian Bellaver (Amy Irving) ausfindig, die eine Verbindung zu Robin aufbaut und dessen Vater zu ihm führt. Allerdings hat sich Robin schon so weit verändert, dass er seinen Vater töten will, und im finalen Kampf finden Vater und Sohn beim Fall von einem Dach den Tod, während Gillian Childress in einem im wahrsten Sinne des Wortes explosiven Finale durch ihre Kräfte erledigt.

Brian De Palma nennt Alfred Hitchcock als sein großes Vorbild und auch in Teufelskreis Alpha wird diese Tatsache mehr als deutlich. Schon in seinem 1976 gedrehten Film Schwarzer Engel zollte De Palma dem Meister Tribut und hatte sogar Gelegenheit, auf Hitchcocks langjährigen Stammkomponisten Bernard Herrmann zu setzen, dessen Musik er mit Erfurcht und Respekt einsetzte. Doch als für Teufelskreis Alpha ein Komponist gesucht wurde, war Herrmann schon seit über zwei Jahren tot, und so erwies es sich als glückliche Fügung, dass De Palma ein enger Freund Steven Spielbergs ist, der zu dieser Zeit auch eine Beziehung mit Amy Irving hatte, die er 1985 auch heiratete. Somit geriet De Palma an John Williams, der mit Freuden zusagte. Williams war zu dieser Zeit 46 Jahre alt und konnte bereits auf eine beachtliche Karriere als Filmkomponist zurückblicken. Lange Zeit als Johnny Williams bekannt, schrieb er meistens Jazz-beeinflusste Kompositionen zu leichten Hollywood-Komödien, bevor er im Katastrophengenre einige bemerkenswerte Arbeiten ablieferte und letztendlich 1975 mit Jaws und 1977 mit Star Wars Episode IV: Eine neue Hoffnung zum Durchbruch gelangte. Heute gilt Williams als einer der besten und erfolgreichsten Filmkomponisten überhaupt.

Williams bemerkte sehr früh, dass auch in Teufelskreis Alpha Hitchcock deutlich Pate gestanden hatte und auch De Palma, dem die Musik sehr wichtig erschien, wünschte eine herrmanneske Musik. De Palma und Williams waren sich einig, dass die Musik eine bedeutende Rolle in diesem Film innehat, denn oftmals stützt sich der Film auf minutenlange Visionssequenzen ohne jeden Dialog oder Geräuscheffekt, sodass Williams‘ Musik solche Momente ganz alleine tragen muss. Außerdem sind einige Momente derart übertrieben, dass die Musik die teils unlogische Handlung und die surrealistischen Bilder atmosphärisch sinnvoll unterstützen muss. Als Williams den Film das erste Mal sah, machte er De Palma Vorschläge, welche Szenen er mit Musik unterlegen würde und der Regisseur stimmte zu, wünschte sich aber, dass noch drei weitere nicht von Williams erwähnte Szenen vertont würden. Letzten Endes wurden jedoch drei Stücke komplett und einige Kompositionen teilweise aus dem Film genommen, weil sie zum einen den Film zu Anfang zu deutlich in eine Richtung gelenkt hätten oder einige Szenen durch die herausgehobenen Charakter der Musik ins Lächerliche gezogen hätten.

John Williams wählte für die Besetzung des Orchesters einen gut bestückten, aber nicht ausufernd besetzten orchestralen Klangkörper, in dessen Umgang mit den einzelnen Instrumenten schon sehr schnell die Orientierung an Herrmann deutlich wird, denn wirklich ausufernde und brachiale Passagen sind in der gut 55 Minuten langen Partitur selten zu finden. Vielmehr werden die möglichen Klangfarben und Kombinationsmöglichkeiten der einzelnen Instrumente miteinander ausgereizt. So setzt Williams die einzelnen Bläsergruppen und die Streicher sehr ausgewogen ein und besonders der kräftige Einsatz der Holzbläser ist eine unübersehbare Übernahme des herrmannesken Stils. Neben einigen minimalen Einsätzen des Synthesizers, der den jeweiligen Szenen eine mystisch-bedrohliche Atmosphäre verleiht, kommt im finalen Stück, in dem Gillian ihre Kräfte einsetzt, um Childress wie einen mit Blut und Gedärmen gefüllten Ballon platzen zu lassen, auch ein Theremin zum Einsatz, welches auch bei Herrmann für übernatürliche Phänomene steht (vgl. The Day The Earth Stood Still ).

Teufelskreis Alpha schwächelt besonders zu Beginn, da De Palma auf verschiedene Elemente völlig unterschiedlicher Genres zurückgreift, sodass die obligatorische Autoverfolgungsjagd und einige weitere Actionszenen eher fehl am Platze wirken, auch der besonders zu Anfang aufgezwungene Humor tut dem Film nicht gut. Williams musste all diese verschiedenen Elemente wenigstens musikalisch sinnvoll miteinander verknüpfen, sodass die Musik nahezu durchgängig von einer düsteren und kühlen Grundstimmung geprägt ist. Zu den wenigen Ausnahmen gehören zwei Tracks, die Peter Sandzas emotionales Verhältnis zu den zwei wichtigsten Menschen unterlegen: seiner Freundin Hester und seinem Sohn Robin. Hier setzt Williams die Klarinette und die Oboe solistisch ein, die mit ihrem lyrischen Spiel für einige wenige,  aber umso wirkungsvollere warme Momente in der Partitur sorgen. Ein weiteres ungewöhnliches Moment stellt die Musik zur Ankunft Gillians in der Klinik dar, in der durch die beschwingt heiteren Holzbläserfiguren sogar ein bisschen Copland hindurchschimmert. Die Verfolgung Peters durch zwei Agenten unterlegte Williams gewohnt knackig mit im Orchester durchgeschlagenden Akkorden und stark punktierten und von loser Tonalität geprägten Motiven in den Bläsern. Zu den Höhepunkten der Musik zählen zweifellos die Momente, in denen allein Musik und Bilder in ihrer Symbiose auf den Zuschauer einwirken. Zu diesen Szenen zählen vor Allem Gillians Visionen sowie der Abgang Childresses. Hier zeigt sich wieder einmal deutlich, was für ein meisterhafter Orchestrator Williams ist, denn all diese Stücke sind von einer unter die Haut gehenden mystischen atmosphärischen Dichte geprägt, wie man sie selten hört. Besonders die lyrisch anmutenden Soli der Holzbläser, etwa eine Flöte, die von dem Fagott umspielt wird oder die schillernden Klangfarben des Glockenspiels und die sphärischen Klänge des Vibraphons zeugen von einem gekonnten und überlegten Einsatz der Instrumente.

Durch die teils nur kammermusikalisch besetzten Stücke ging Williams in Bezug auf die Klangfarben zwar sehr abwechslungsreich, in der Stimmführung jedoch wohltuend schnörkellos vor. Somit erscheint die Tatsache, dass die Musik monothematisch angelegt ist, als eine logische und konsequente Weiterführung des Grundkonzepts und auch das Hauptmotiv, das sich wie ein roter Faden durch fast jede Teilkomposition zieht, ist vom stringenten Charakter der Musik geprägt. Das Motiv besteht lediglich aus einem arpeggierten Mollakkord mit kleiner Sexte und wird schon zu Beginn des Films vom Fagott vorgestellt, während die Harfe stets den selben Grundakkord repetiert. Williams fügt schließlich einen Kontrapunkt in der Klarinette hinzu, bevor das Motiv immer weiter empor kriecht und schließlich von heftigen Stößen der Bläser und Streicher kraftvoll von der ganzen Besetzung gespielt wird. In den folgenden 50 Minuten variiert Williams dieses Motiv gekonnt, sodass es einmal mit kühlen Violinen unterlegt von der Harfe gezupft und später als Hornmelodie auftaucht. Neben diesem roten Faden komponierte Williams oftmals für viele Momente ein eigenes Motiv, das nur zu einer bestimmten Szene auftaucht. Insgesamt orientiert sich Williams nicht nur in der Klangsprache sondern auch in der Harmonik an der gemäßigten Moderne, von der viele seiner Werke geprägt sind. Frei- oder atonale Ausbrüche eines Jerry Goldsmiths sucht man hier jedoch vergeblich.

Wie zu diesen Zeiten nicht unüblich, wurde die Musik für die LP-Veröffentlichung nochmals eingespielt und von Williams zu einem Albumschnitt mit stringenterem Hörfluss konzipiert und auf eine Laufzeit von knapp 40 Minuten gekürzt. Hierbei kombinierte Williams einige einzelne Stücke oder fügte verlängernde Passagen ein und stellte die chronologische Reihenfolge der Musik um, um einen besseren dramaturgischen Bogen spannen zu können. Schließlich komponierte er noch eine Konzertversion des Hauptthemas für Streichorchester, die das Album zum Abschluss bringt. Doch nicht nur im Arrangement, auch in der Besetzung machen sich deutliche Unterschiede bemerkbar. So ist die Album-Version deutlich dichter instrumentiert. Außerdem komponierte Williams sogar einige zusätzliche Nebenstimmen und verlieh der ursprünglich so ökonomisch orchestrierten Musik einen eher symphonischen Charakter. Die Musik klingt viel üppiger aber auch brachialer als die reduzierte und transparente Filmversion, in der laute Orchesterausbrüche eher selten sind und gerade deshalb ihre überraschende Wirkung entfalten. Auch die Aufnahme des Albums hört sich deutlich halliger und räumlicher an als die knackige Filmversion. Allerdings fehlt in der finalen Schlussmusik leider das Theremin, welches ein sehr wichtiges Element der Musik darstellt. Für die Aufnahmen standen übrigens die Londoner Symphoniker zur Verfügung, denn Williams hatte während der Aufnahmen für Superman zwei Tage zur Verfügung, um das Album einzuspielen.

Die Album-Version wurde zeitgleich auf CD und LP veröffentlicht, wobei Varèse auf der CD eine weitere Version der Musik zum Karussellunfall hinzufügte, die eher der originalen Filmversion entspricht, während das in der finalen Suite enthaltene Arrangement eine stilisierte Jahrmarktssourcemusik enthält, die später vom Orchester abgelöst wird, wie es auch später im Film der Fall ist. Zum 70. Geburtstag des Maestros veröffentlichte Varèse innerhalb des Clubs eine auf 3000 Exemplare limitierte „Deluxe Edition“ auf zwei CDs, wobei die erste CD erstmals die komplette Filmaufnahme inklusiver nicht verwendeter Stücke zugänglich macht und Williams’ originaler Intention entspricht und auf der zweiten CD die Albumaufnahme zu finden ist. Beide Aufnahmen wurden für diese Version digital überarbeitet und sind in bestmöglicher Klangqualität anzuhören. Allerdings offenbart dieses Doppelalbum einige Schwachstellen: So ist die schon auf der Einzel-CD veröffentlichte alternative Version der Karussellszene nicht mehr auf der zweiten CD enthalten, was merkwürdig erscheint, da diese Aufnahme Jahre zuvor schon erhältlich war. Auf der Rückseite machen falsche Laufzeitangaben einen recht lieblosen Eindruck. Das Booklet enthält zwar einige nette Information, aber die einzelnen Stücke werden lediglich angerissen und die unterlegten Szenen unverständlich und ohne Kontext geschildert. So erfährt man von einem Zugunfall, weiß aber nicht, warum und wann im Film er passiert. Außerdem wird fast gar nicht auf die Musik an sich eingegangen; so bleiben die jeweilige Instrumentierung oder die angewandten Themen komplett unerwähnt. Mittlerweile – acht Jahre nach dem Erscheinen – ist die Doppel-CD hoffnungslos ausverkauft und nur noch schwer und zu hohen Preisen zu finden. Allerdings senkte die Club-CD die ebenfalls sehr hohen Preise der mittlerweile ebenfalls vergriffenen ursprünglichen Einzel-CD, die so heutzutage zu akzeptablen Preisen zu finden ist. Die Album-Version ist wie so oft bei Williams grandios zusammengestellt und bietet ein optimales Hörvergnügen, sodass ein Kauf der Deluxe Edition besonders in Hinblick auf die Schwächen eher dem Williams-Komplettisten als dem Durchschnittshörer vorbehalten sein sollte.

Insgesamt schuf John Williams eine recht untypische Partitur, die keinesfalls ein bloßer Geheimtipp bleiben sollte. Die Musik ist atmosphärisch dicht und gewohnt gekonnt orchestriert, allerdings könnte man den Vorwurf, den sich Brian De Palma des Öfteren anhören muss, ein bloßer Hitchcock-Epigone zu sein, ebenfalls gegen Williams aussprechen, dessen Musik in diesem Falle nur zu deutlich auf Herrmann’schem Stil beruht und die Partitur, wie häufiger bei Williams, eine handwerklich perfekte Stilübernahme eines bekannten Vorbildes darstellt, die trotz einiger Williams-Typischer Passagen etwas von ihrer Originalität einbüßt, wie auch bei den ständigen Tschaikowksy-Anleihen in den Kevin-Filmen, den Stravinsky-Zitaten in Hook oder den Wagner- und Holst-Elementen in Star Wars. Nichtsdestotrotz ist Williams hier eine äußerst wirkungsvolle Partitur gelungen, die man als Filmmusikfreund zumindest in einer Version im Regal stehen haben sollte.


Gerrit Bogdahn, 26.07.2010
Details zum Soundtrack



I. Die Musik

5 von 6 Punkten


I. Die Alben

-OST-

Spielzeit:
5 von 6 Punkten
Klangqualität:
4 von 6 Punkten
Schnitt:
6 von 6 Punkten
Begleittexte:
4 von 6 Punkten

Unterhaltung:
4 von 6 Punkten
Anspruch:
5 von 6 Punkten


Letzte Änderung: 14.08.2010 | Webmaster: Jonas Uchtmann | © Layout dieser Website by Adrian Werner & Jonas Uchtmann, 2002–2010.