Es ist vollbracht, nach 28 langen Jahren: Am 19. Mai 2005 wird weltweit der letzte Teil der Star Wars-Hexalogie in die Kinos kommen. Das rund 115 Millionen US-Dollar teure Finale der Prequel-Trilogie wird den für Initiierte viel sagenden Titel Episode III - Die Rache der Sith tragen und sich mit dem Untergang des Ordens der Jedi und dem Aufstieg Darth Vaders beschäftigen. Dass bei dieser Gelegenheit George Lucas, seines Zeichens Autor, Regisseur und Produzent der Fantasy-Mär, ein letztes Mal an uns Kinozuschauern Rache nimmt, lässt sich in Anbetracht der filmischen Qualität des Vorgängers bereits absehen. Dennoch warten Millionen von Fans gespannt, wie es ihm gelingen wird, den Kreis zwischen alter und neuer Trilogie zu schließen.
Während die Anhänger des Lucas-Kults dem Erscheinen des Films entgegenfiebern, ist das mediale Interesse an Revenge of the Sith verhältnismäßig gering. Der Hype, der einstmals vor den Kinostarts von Empire Strikes Back, Return of the Jedi und The Phantom Menace einsetzte, lässt sich nur noch in Ansätzen feststellen: Die neuen Filme seien völlig entzaubert, nur noch auf technisch herausragende, artifiziell wirkende Spezialeffekte getrimmt. Somit mögen die Erwartungen in Episode III insgesamt gering sein, doch die Hoffnung, die Filmmusikfans in die musikalische Untermalung des Films setzen, bleiben (fast unerfüllbar) hoch. Denn natürlich zeichnet in musikalischen Belangen für Revenge of the Sith abermals John Williams verantwortlich: Williams, der den infantilen Regieeinfällen Lucas’ in den letzten Star Wars-Filmen nur seine unerschütterliche Souveränität und oft mehr als das entgegenzusetzen hatte. Auch jetzt erstaunt es, wie viel Zeit der Komponist in die Ausarbeitung seiner Partitur investiert hat: Über mehr als drei Monate zogen sich Komposition und Einspielung des Scores zu Episode III hin.
Was ist dabei herausgekommen? Entsprechend der düsteren Filmhandlung dominiert in der Musik ein durchgängig dramatischer Gestus: Groß angelegte, durchkomponierte Actionpassagen stehen neben melancholisch-elegischen Teilen, daneben gibt es brodelnde, rein atmosphärische Parts. Zwar findet man den für die Original-Trilogie charakteristischen Pomp und Sternenkrieger-Pathos bei Episode III nur noch in den End Credits, doch scheint Williams hier zum ersten Mal – sei es aus Konzession an derzeit herrschende Moden (Lord of the Rings) oder aus eigener Überzeugung – auf den massiven Einsatz eines großen Chors (London Voices) nicht mehr verzichten zu können. Zusammen mit dem ohnehin üppig besetzten, hoch konzentriert musizierenden Londoner Sinfonieorchester resultiert daraus ein Klangkosmos, der sich vom partiell martialischen Bombast der alten Trilogie stilistisch absetzt, zugleich aber den filigranen musikalischen Tableaus der Dunklen Bedrohung und der in Teilen kühn-modernistischen Attacke der Klonkrieger nicht allzu nahe steht. Williams setzt also den eingeschlagenen Weg fort, jedem der neuen Star Wars-Scores einen leicht abweichenden Vertonungsansatz mit auf den Weg zu geben. Was allerdings bei Revenge of the Sith etwas vernachlässigt wurde und manchen Hörer irritieren dürfte, ist die verhältnismäßig dünne leitmotivische Gestaltung der Partitur: Der Musik fehlt einerseits ein wirklich zündender melodischer Hauptgedanke vom Kaliber eines „Across the Stars“, andererseits eine gewisse Kontinuität in der motivischen Entwicklung. Vieles mutet (zumindest vom vorliegenden Albumschnitt) etwas willkürlich an: Das wunderbare „Across the Stars“ tritt nur sporadisch in Erscheinung, die brillante Metamorphose von „Anakin’s Theme“ zum Darth Vader-Marsch wurde ebenfalls nicht fortgeführt.
Ganz auf neue Themen verzichten muss der Hörer freilich nicht: Neben einem mechanischen Motiv für den Schurken General Grievous und einem Schicksalsthema für Padmé und Anakin Skywalker hat der Altmeister – wie schon in Episode I – ein groß angelegtes Actionthema integriert, das in der einzigen Konzertsuite des Albums („Battle of the Heroes“) vorgestellt wird. Das aus neun Noten bestehende, düster-treibende Thema lehnt sich (entfernt) an das liturgische „Dies Irae“ an, doch kann es in puncto Eingängigkeit und Markanz nicht mit „Duel of the Fates“ mithalten. Umso effektiver fällt das Arrangement des dicht orchestrierten Stücks aus, das mehrfach von fragmentarischen Zitaten des Imperial March und des Themas der Macht unterbrochen wird. Der Spannungsbogen von „Battle of the Heroes“ ist beachtlich: Zunächst erscheint das Thema eher verhalten, von einem Horn vorgetragen, danach übernehmen Blechbläser, Streicher und Chor im Wechsel die Melodieführung. Die erzeugte Spannung entlädt sich schließlich, nach mehreren harmonischen Rückungen, in einer langgezogenen Klimax.
„Battle of the Heroes“ hat im Score abgesehen von einer Reprise in den End Credits nur einen einzigen Auftritt. Es ist Dreh- und Angelpunkt des eindrucksvollsten Actiontracks der CD, „Anakin vs. Obi Wan“. Hier lässt Williams das deutlich schneller vorgetragene Thema auf furiose Weise mit dem „Imperial March“ (allerdings in einem der Episode V entliehenen Arrangement) kollidieren. So entsteht ein dramatischer Bogen, der trotz strahlender Fortissimi zu Beginn des Tracks zu den ansprechendsten der Prequel-Trilogie gehört. Mitreißend auch das folgende Stück „Anakin’s Dark Deeds“, das mit schicksalsschwangeren Variationen über „Duel of the Fates“ und dem Grievous-Thema aufwartet. Als Interludium zwischen zwei Eruptionen der Themen fungiert ein kurzer, eindrucks- und würdevoller Blechbläser-Choral. Besonders ansprechend organisierte Action bietet auch das knapp 8-minütige Intro-Stück „Star Wars Main Title and the Revenge of the Sith“, in dem Williams zum Teil auf das im Score sehr präsente Force-Theme zurückgreift. Zum ersten Mal taucht dort (von Bassposaunen vorgetragen) auch das kraftvolle Thema für Genreal Grievous auf. Stärker an Episode II gemahnende Momente finden sich in „General Grievous“: Ein rasanter, vielfältig besetzter Percussionsatz, minimalistisch verarbeitete Motivsplitter des Grievous-Themas und komplex verschachtelte, ungerade Achtelrhythmen lassen auch hier keine Langeweile aufkommen.
Zu den erfreulichsten Neuerungen der Partitur zählen fünf breitorchestrale Stücke von melodramatisch-lamentosohaftem Charakter. Die meist im Streichertutti und vom Chor vorgetragenen Tracks wirken auch in einem Star Wars-Score keineswegs überladen, wenngleich man sie in diesem Kontext nicht erwartet hätte. Während „Anakin’s Betrayal“ und „The Immolation Scene” in ihrer sinnlichen Schönheit Reminiszenzen an Williams’ Dramen-Scores Born On The 4th Of July und (in Teilen) Nixon aufkommen lassen, greift der Komponist im vorletzten Track des Albums auf das Requiem Qui-Gons aus Episode I zurück („The Birth of the Twins and Padme’s Destiny“). Eine sehr schöne lyrische Passage für Celesta und Harfe findet sich zu Beginn des selben Tracks. Delikat auch der Anfang von „Anakin’s Dream“: Nach der Einleitung durch ein von der Harfe umspieltes, kurzes Bratschen-Solo taucht „Across the Stars“ in den Streichern auf, während melancholisch ein Kontrapunkt in der Solo-Violine erklingt.
Gewisse Extravaganzen des Scores werden auf ein eher geteiltes Echo stoßen: Wenn in den ersten zweieinhalb Minuten von „Palpatine’s Teachings“ lediglich ein sonores, mit Synthesizer verstärktes Brummen des Chors zu hören ist, werden stilistisch deutlich Erinnerungen an Seven Years in Tibet wach. Doch selbst hier erweist sich die Orchestrierung bei genauem Hinhören als durchaus vielschichtig. Im Bereich des Underscorings bleibt somit nur eine Ethno-Vocalise im etwas konturlosen, atmosphärischen Cue „Padme’s Ruminations“ fragwürdig, da sie recht abgedroschen und Gladiator-nah klingt. Ein wenig fantasielos gestalten sich für meinen Geschmack auch Finale und End Credits der Partitur: Vermutlich als Hinführung zu A New Hope gedacht, besteht das gut 13 Minuten lange Stück aus einer Themenrevue von „Battle of the Heroes“, dem Thema von Luke Skywalker, Leias Thema sowie einer etwas schleppenden „Throne Room“-Variante. Insbesondere die Übergänge zwischen den Themen wirken leider merkwürdig gehetzt und eher improvisiert denn gekonnt.
Spätestens im Finale des Scores erhält man Gewissheit darüber, dass Revenge of the Sith der am besten aufgenommene Score der neuen Trilogie ist – das breiige Klangbild insbesondere des Vorgängers scheint in weite Ferne gerückt. Was die sonstigen Produktionswerte des Albums angeht, wird man erwartungsgemäß eine ausführliche Dokumentation der Musik vergeblich suchen. Immerhin hat Sony Classical dem Silberling aber eine DVD beigelegt, die Musikvideos der musikalischen Glanzstücke aller Star Wars-Scores enthält: Für in der Kaufentscheidung noch unschlüssige Fans ist dies ein zusätzlicher Kaufanreiz und für alle anderen eine willkommene Zugabe.
Im Endeffekt finden sich für Revenge of the Sith zwei Möglichkeiten der Wertungsfindung. Zum einen ist es möglich, den Score als eigenständiges Werk zu betrachten: In diesem Fall liegt mit Episode III eine handwerklich perfekte, größtenteils inspirierte Filmmusik vor, die in Bezug auf ihren Unterhaltungsfaktor das Gros aktueller Scores in den Schatten stellt. Auch im Vergleich zu anderen Williams-Arbeiten der letzten Zeit kann sie beispielsweise ohne Probleme mit der ersten Harry Potter-Partitur konkurrieren.
Gemessen an den letzten Star Wars-Partituren steht der Score qualitativ nicht allzu weit unter seinen direkten Vorgängern. Lediglich im Kontext der Hexalogie fällt Die Rache der Sith etwas ab: Das thematische Konzept wirkt nicht immer so ausgeklügelt, wie man es von John Williams, einem ganz großen Könner in Sachen wagnerscher Leitmotivik, gewohnt ist. Nichtsdestotrotz, das Ergebnis der sich über 28 Jahre ersteckenden Arbeit des Komponisten an den Star Wars-Scores bleibt im Resultat einmalig und der ungeheure Erfolg der Musiken ein Segen für die Branche. Wer unbefangen an Revenge of the Sith herangeht, dem wird sich eine empfehlenswerte Musik auf (im Vergleich zu Episode II) sogar recht direktem Wege erschließen. Bleibt noch zu hoffen, dass die Macht auch über die Ära Star Wars hinaus mit John Williams sein möge.
Jonas Uchtmann, 02.05.2005
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