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Rezensionen - Troy
 


James Horner
-

Hollywood besinnt sich derzeit rein äußerlich auf alte Werte. Für diese Entwicklung ist die Wiederentdeckung des großen, abendfüllenden Historienepos nur ein besonders offensichtliches Indiz. Das Kinopublikum schreit nach immer neuen Superlativen, und die bekommt es auch. Dass dabei oft genug nur die Verpackung immer aufwendiger wird, Dramaturgie und Inhalt jedoch zusehends verkümmern, scheint hervorragend zum Zeitgeist des neuen Jahrhunderts zu passen. Ebenso die Tatsache, dass wieder die „großen Themen" Liebe, Krieg und Eifersucht  die Massen bewegen, Hintergründe und (historische) Zusammenhänge hingegen von geringem Interesse sind.

Da überrascht es auch nicht weiter, dass es ausgerechnet ein bombastisch in Szene gesetzter Kampf zwischen Gut und Böse (in drei Teilen) war, der jüngst die schwindelerregende Summe von insgesamt fast 3 Milliarden Dollar einspielen konnte. Jacksons Herr der Ringe ist schnell zu einem prägenden, wenn auch nicht zum einzigen Vorbild einer großen Zahl filmischer Nachahmer geworden: Auf ähnliche Weise neue Maßstäbe setzen konnte Ridley Scotts Gladiator, ein visuell beeindruckender Film, der sich inhaltlich auf die äußerst fragwürdige und antiquierte Botschaft „ein Mann führt Rache" reduzieren lässt.

Der Zuschauer will, das war schon immer so, vor allem unterhalten werden. Neu sind nur die Geschwindigkeit, mit der aktuelle Trends zu Tode geritten werden, sowie die Unfähigkeit der Filmindustrie, das Kopierte wenigstens neu aussehen zu lassen. Auch Wolfgang Petersens 185 Millionen Dollar teures Troja verfügt über alles, was man bei einer Produktion dieser Größenordnung erwartet: riesiges Staraufgebot, prächtige Ausstattung, verschwenderische Massenszenen und ein die Sinne betäubendes Effektgewitter. Dennoch legen die trotz aggressiver Marketingkampagne gar nicht so überragenden Einspielergebnisse des Films die Vermutung nahe, dass die Übersättigung des Publikums mit epischen Spektakeln bereits eingesetzt hat.

Dabei stellt die Illias, Homers großes Monumentalwerk, einen für die Kinoleinwand geradezu idealen Stoff dar, selbst in dieser dem Original recht frei nachempfundenen Fassung: Prinz Paris von Troja entführt in einer Nacht- und Nebelaktion Helena, die schöne Königin von Sparta. Ihr zutiefst verletzter Gatte Menelaos überredet daraufhin seinen habgierigen Bruder Agamemnon, den mächtigen König von Mykene, zu einem Rachefeldzug gegen Troja. Bald beginnt vor den Mauern dieser Stadt, die zuvor noch nie ein Heer im Sturm einnehmen konnte, eine (bei Homer) 10-jährige Belagerung. Der Regisseur nimmt es mit der Chronologie der Ereignisse nicht so genau: Bei ihm dauert die Auseinandersetzung gerade einmal zwei Wochen – was sich aber noch verschmerzen lässt. Wirklich störend stößt hingegen auf, dass im Film der Bezug zur antiken Götterwelt fast vollständig fehlt. Das hilft dem raubeinigen Schlachtengemälde nicht unbedingt dabei, den (in diesem Genre obligatorischen) Eindruck von „larger than life" zu erwecken.

Gerade die Massenszenen wirken oft steril und wenig packend. In Sachen Kameraarbeit und Schnitt ist Troy längst nicht so geschickt gemacht wie das diesbezügliche Vorbild, The Lord of the Rings. Interessanter fallen da schon die spannenden, hervorragend choreographierten Zweikämpfe aus, die stets die richtige Länge haben. Auch darstellerisch ist der Streifen insgesamt passabel: Als Liebespaar Paris und Helena agieren zwar einerseits Orlando Bloom und Diane Krüger durchgehend hölzern, Brad Pitt als unverwundbarer Held Achilles und Eric Bana als dessen Kontrahent Hector machen ihre Sache jedoch wesentlich besser. Ihnen gelingt es zumeist, ihren Rollen Leben einzuhauchen, und insofern erscheint es auch gerechtfertigt, die Auseinandersetzung der Titanen zum Mittelpunkt des Films zu machen. Des Weiteren überzeugen Sean Bean in der Rolle des listenreichen Odysseus und Peter O'Toole, der als König Priamos einen bewegenden Auftritt hat.

Recht enttäuschend fällt die Visualisierung Trojas aus, das hier zu einem bunten Stil-Mix aus zweieinhalb Jahrtausenden Architekturgeschichte verkommt und höchstens aufgrund seiner riesenhaften Ausmaße monumental wirkt. Troy bietet somit visuell keinerlei Neuerungen, zumal die Animation oft nur bedingt lebensecht wirkt. Beides lässt sich auf nahezu alle anderen Aspekte des Films übertragen: Es gibt für den Zuschauer nur sehr wenig, was er nicht schon anderswo in wesentlich besserer Form gesehen hätte. Das macht Troja zu einem durchschnittlichen und nur in Teilbereichen überzeugenden Historienschinken , der aber  – nach einem recht zähen Start – zumindest bis zum Ende unterhaltsam bleibt.

Filmmusikalisch war Troy eine turbulente Produktion: Die Entscheidung, einen bereits substanziell vollständig eingespielten Score von Gabriel Yared abzulehnen, verursachte in der Filmmusik-Gemeinde größte Aufregung. Wie so oft waren die negativen Reaktionen eines Testpublikums Grund für den Komponisten-Wechsel. Yareds Musik sei für den Film zu altertümlich, hieß es lapidar, was offenbar den Verantwortlichen als Begründung reichte. Auf der Webseite des libanesischen Komponisten finden sich mittlerweile einige längere Ausschnitte aus dem rejected score, einer traditionellen, großorchestralen Partitur, die sowohl den Eindruck von relativ großer Eigenständigkeit als auch von guter handwerklicher Qualität hinterlässt. Eine legale Veröffentlichung dieser Musik bleibt indes natürlich weiterhin unwahrscheinlich ...

Diesbezüglich müssen Filmmusikfans (leider) mit dem Score des als Ersatz verpflichteten James Horners vorlieb nehmen, dem nur der selbst für Hollywood-Verhältnisse extrem knappe Zeitraum von 13 Tage blieb, mehr als 120 Minuten neuer Musik zu komponieren. Das größte Kompliment, das man dem Resultat dieser nicht unbeträchtlichen Kraftanstrengung machen kann, ist dann auch tatsächlich, dass sich der Score in Qualität und Machart nicht negativ von Horners letzten epischen Vertonungen, Four Feathers (2002) und The Missing (2003), abhebt. Auch hier trifft man erneut auf die längst bekannte Mixtur aus großem Orchester, zusätzlichem ethnischen Instrumentarium und unterstützenden Vokal-Elementen (bulgarischer Frauenchor und Solo-Vocalisen der ebenfalls bulgarischen Sängerin Tanja Tzarovska), und auch in Troy kann von einer überzeugenden Synthese beider Elemente keine Rede sein. Kurz: der Neuheitswert dieser Komposition ist sogar noch ein ganzes Stück geringer als der des Films ...

Immerhin trägt das im wahrsten Sinne des Wortes klassische Film-Sujet dafür Sorge, dass James Horner  nicht allzu tief in seinen Fundus abgedroschener Weltmusik-Klischees gegriffen hat. Horners musikalische Vorstellung vom antiken Griechenland scheint (zum Glück) überwiegend westlich geprägt zu sein. Daher klingen die nicht übermäßig häufig eingesetzten Vokalisen, eine ungefähr gleichwertige Mischung aus Four Feathers und Hans Zimmers Gladiator, sogar recht ästhetisch. Kopfzerbrechen bereitet eher die Verwendung des lieblos arrangierten Chors: Durch die katastrophale Abmischung ist es den Ingenieuren erfolgreich gelungen, diesen als ein zweitklassiges Synthie-Sample erscheinen zu lassen.

Horner verwendet insgesamt drei Themen, von denen nur eines tatsächlich aus der Feder des Komponisten stammt. Es tritt allerdings auf dem Album nur zweimal in Erscheinung („Troy", „The Greek Army and its Defeat"). Zwar klingt auch dieser Einfall,  eine von markanten Stabglocken-Schlägen überlagerte heroische Trompeten-Fanfare, überdeutlich nach Horner, im Gegensatz zum dreist aus John Debneys Cutthroat Island abgekupferten Thema des Achilles oder dem Note für Note aus Stargate kopierten Love Theme verdient es dennoch eine positive Erwähnung. Besonders beim Achilles-Thema ist Horner jedoch wieder so lustlos zu Werke gegangen, dass selbst die Orchestrierung eher dürftig ausfällt (Hörner über simplen Streicherakkorden: „Achilles Leads The Myrmidons"). Der Umgang mit dem Liebesthema, dem der Komponist zumindest vereinzelt schöne Momente abgewinnt, wirkt da schon etwas ausgefeilter („Briseis and Achilles"). Doch auch hier ist die ursprünglich heroische Erscheinungsform des Themas in Stargate dem entstandenen hornerschen Lyrizismus klar vorzuziehen. Das wird besonders im von Josh Groban interpretierten Filmsong überdeutlich, in dem das Nebeneinander von Grobans samtener Pop-Stimme und den fremdartigen Harmonien Tanja Tzarovskas nur als misslungen bezeichnet werden kann.

Da überrascht es ein wenig, dass ausgerechnet die Actionpassagen der Partitur noch am ehesten überzeugen. Sie basieren ohne Ausnahme auf dem berühmt-berüchtigten Gefahrenmotiv, dessen vier Noten ursprünglich Sergej Rachmaninows erster Sinfonie entstammen. Von Horner ist diese Tonfolge besonders ausgiebig in Willow, Enemy at the Gates und noch mindestens einem Dutzend weiterer Scores verwendet worden. Doch selbst wenn man meint, das Gefahrenmotiv längst nicht mehr hören zu können: In Troy setzt Horner es durchaus geschickt und effektiv ein. Die Vielseitigkeit, die er durch Variationen in Rhythmus, Tempo und Dynamik erreicht, ist recht beachtlich, vor allem in Track 6, „The Greek Army and its Defeat". Diesem Stück verleihen dramatische Streicherläufe, aufwändige Blechbläser-Schichtungen und ein eingängiges, von fünf Pianos vorgetragenes Ostinato Dramatik und den nötigen Zusammenhalt. Eine ähnlich klare Linie geht den anderen, teilweise bis zu 10-minütigen Actionsequenzen hingegen etwas ab („Achilles and the Myrmidons", „The Trojans Attack"); hier lässt sich tatsächlich der große Zeitdruck bemerken, indem sogar noch mehr als üblich auf Versatzstücke und Plagiate zurückgegriffen wurde (Prokofjews Alexander Newski scheint z.B. kräftig durch). Gelungene Einfälle (etwa der rein perkussive Beginn von „Hector's Death" oder die subtile Variante des Gefahrenmotivs für Chor und Harfe) kommen zwar vereinzelt durchaus vor, werden aber schnell wieder fallen gelassen.

Wie so oft beim Erscheinen einer neuen Horner-Musik stellt sich auch hier die Frage: Wem kann dieser Score guten Gewissens empfohlen werden? Für viele Hörer dürfte der Unterhaltungswert dieser Komposition höher liegen als bei The Missing, denn Troja ist auf CD die ungleich eingängigere der beiden Musiken. Allerdings schwankt die Partitur qualitativ recht stark, wenngleich sie handwerklich auch in ihren schwächsten Momenten noch solide bleibt. Für Fans des Komponisten reichen die wenigen guten Momente des Albums als Kaufanreiz, alle anderen bekommen für ihr Geld lediglich eine weitere, überlange Horner-CD, deren Repertoirewert gegen Null tendieren dürfte. Gerade deshalb schrammt Troy nur äußerst knapp an einer Bewertung von 2 Punkten vorbei.
Jonas Uchtmann, 21.05.2004


Details zum Soundtrack



I. Die Musik

2.5 von 6 Punkten


I. Die Alben

-CD-

Spielzeit:
6 von 6 Punkten
Klangqualität:
4 von 6 Punkten
Schnitt:
4 von 6 Punkten
Begleittexte:
2 von 6 Punkten

Unterhaltung:
3 von 6 Punkten
Anspruch:
2 von 6 Punkten


Letzte Änderung: 14.08.2010 | Webmaster: Jonas Uchtmann | © Layout dieser Website by Adrian Werner & Jonas Uchtmann, 2002–2010.