Vorbei die Zeiten, in denen ein schrumpeliger, kinderfreundlicher Alien mit Namen E.T. nur den bescheidenen Wunsch hatte, nach Hause zu telefonieren – in Steven Spielbergs neuestem extraterrestiellen Spektakel War of the Worlds, basierend auf dem gleichnamigen Roman von H.G. Wells, haben die angreifenden außerirdischen Invasoren nur eines im Sinn: die Ausrottung der gesamten Menschheit. War die 1898 erschienene Romanvorlage noch von einem deutlich satirischen Unterton geprägt, kommt Spielbergs Version des Weltenkriegs nun gänzlich humorlos, viel mehr unbequem grausam, kompromisslos und düster daher. Aus der Sicht des geschiedenen Familienvaters Ray Ferrier (gespielt von Tom Cruise) und seiner beiden Kinder schildert Spielberg die Invasion der Außerirdischen zwar mit reichlich Effektunterstützung von ILM, jedoch im Vergleich zu anderen Katastrophenspektakeln der letzten Zeit verhältnismäßig unspektakulär. Weder rückt die Zerstörung bekannter Gebäude in den Mittelpunkt der Invasionsszenen (wie etwa in Roland Emmerichs Independence Day), noch erfährt der Zuschauer, was außerhalb der Großräume New Jerseys und Bostons, der Hauptspielorte des Films, genau vor sich geht. Die Einäscherung von Weltstädten wie New York oder Los Angeles wird nicht gezeigt, lässt sich nur erahnen – die Tatsache, dass die verängstigten Protagonisten nur die Ereignisse in ihrer unmittelbaren Umgebung miterleben und die Gesamtsituation nicht im geringsten überblicken können, vermittelt ein bedrückendes Gefühl von Isolation. Sein Augenmerk richtet Spielberg somit gänzlich auf die hilflose Familie Ferrier und entwirft hierbei ein Bild der totalen Aussichtslosigkeit: militärische Angriffe auf die brutal vorgehenden, dreibeinigen Kampfmaschinen aus dem All scheitern kläglich und auch der von Ray Ferriers Sohn und einem kampfbereiten Farmer (Tim Robbins) verkörperte, krankhaft patriotische Verteidigungswahn wird hinterfragt. Das so beim Zuschauer aufkommende Gefühl von absoluter Hilf- und Machtlosigkeit gegenüber der außerirdischen Bedrohung macht einen großen Teil der Spannung des neuen Spielberg-Films aus und auch die erschreckend realistische, mit erstaunlich wenigen Genreklischees angereicherte Inszenierung, die den Angriff der unliebsamen Besucher in zuweilen drastischer Grausamkeit darstellt, kann als durchaus mutiger Schritt des Regisseurs weg vom Mainstream gesehen werden.
Zwar vermag Spielbergs War of the Worlds in Sachen Spannungsaufbau und Nervenkitzel somit zweifellos zu punkten, allerdings finden sich auch einige negativ ins Gewicht fallende Aspekte, die die mittlerweile zweite Kinoverfilmung des Stoffes (nach Byron Haskins Version von 1953) trotz des packenden Realismus und der zuweilen äußerst spannenden Inszenierung stellenweise doch ein wenig blass erscheinen lassen: von den nur sehr mäßigen schauspielerischen Leistungen eines zu Beginn unentwegt und arrogant witzelnden Tom Cruise einmal abgesehen, macht auch das Skript von David Koepp, insbesondere im Verlauf der zweiten Filmhälfte, einen seltsam unausgegorenen Eindruck. Während der dramaturgische Aufbau zu Beginn der Invasion geradlinig und extrem spannend ausfällt, mutet die Inszenierung im letzten Drittel des Films eher gehetzt und holprig an. Das reichlich konstruiert wirkende Ende, in dem Ray Ferrier im verwüsteten Boston vor dem Haus seiner Schwiegereltern ankommt und sich mit seiner Frau versöhnt, kommt letztendlich nicht nur viel zu abrupt, sondern präsentiert sich leider auch äußerst verkitscht-pathetisch und passt überdies nur wenig zum sonst durchgehend düsteren Grundton des Films. Spätestens an dieser Stelle wird dem Zuschauer die eigentliche Sinnlosigkeit von allem zuvor Ges(ch)ehenen bewusst – ist neu erlangte Familienidylle am Ende alles, was nach weltweiter Zerstörung und dem Tod von Hunderttausenden von Menschen kommen soll? Hier steht sich Spielbergs Film letztlich selbst im Wege, indem er sein auf Realismus ausgelegtes Grundkonzept mit einem unglaubwürdigen und unpassend kitschigen Finale verwässert. Trotz dieser Schwächen bleibt zu guter letzt dennoch ein partiell sehr spannend inszeniertes, für den Regisseur ungewöhnlich düsteres Katastrophendrama, das für zwei Stunden recht gute, bissig-nervenzerrende Unterhaltung bürgt. Kein Spielberg-Film der Oberklasse, aber einer, der mit seinem kompromisslos-rauen Ansatz ein wenig frischen Wind ins Mainstream-Katastrophenkino dieser Tage bringt.
Die vor kurzem bei Decca erschienene musikalische Untermalung von John Williams, die die mittlerweile einundzwanzigste Zusammenarbeit zwischen Williams und Spielberg darstellt, zeigt sich passend zum Filmstoff düster, schroff und für Anhänger des „gefälligeren Williams" anfangs nur schwer zugänglich. Der Komponist wählte für seine Partitur zu War of the Worlds einen durchgehend von Dissonanz geprägten, modernistischen Ansatz und verzichtet außerdem vollständig auf eingängiges Themenmaterial. Zwar sind die musikalischen Vorbilder klar erkennbar (von Williams' eigener Musik zu Close Encounters of the Third Kind bishin zu den markanten rhythmischen Figuren des von Strawinsky komponierten „Sacre du Printemps"), trotzdem bleibt der Score über weite Teile erfrischend unkonventionell und auch handwerklich bewegt sich die aktuelle Klangschöpfung des Maestro auf gewohnt hohem Niveau. Außerdem kann War of the Worlds im Alterswerk des Komponisten durchaus als Rarität angesehen werden, so gibt es kaum eine düsterere, im Hinblick auf Dissonanz konsequenter ausgearbeitete Williams-Musik zu entdecken, welche in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren entstanden ist. Selbst die stilistisch ähnlich gelagerte Komposition zu Minority Report aus dem Jahr 2002 bot noch Platz für vereinzelte, stärker thematisch durchdrungene Passagen und dezente melodische Einschübe.
Die Eröffnung des Scores bildet der mit einem einleitenden Vorwort von Morgan Freeman versehene „Prologue", welcher mit brodelnden Synthesizer-Klangflächen und dissonanten, sich langsam steigernden Streicherlinien noch recht unspektakulär ausfällt. Der darauffolgende, erste zentrale Actiontrack des Scores, „The Ferry Scene", zeigt schließlich, welchen musikalischen Weg die Partitur im weiteren Verlauf einschlagen wird: martialisch-rhythmische Bläsersätze in Verbindung mit intensivem Einsatz des Schlagwerks, insbesondere der schweren Pauken, bilden nicht nur die stilistische Grundlage der „Ferry Scene", sondern auch aller anderen ausgedehnten Actionpassagen des Scores („Escape From The City", „The Attack On The Car", etc.). Die antreibende, scharf akzentuierte Rhythmik erinnert hier, neben Strawinskys „Sacre", auch an Williams' eigene Partitur zum spielbergschen Haifisch-Thriller Jaws. Statt mit prägnanten Themen arbeitet der Komponist in diesen Passagen mit eher unscheinbaren, stark rhythmisch geprägten Motiven; eine brachiale, aufsteigende Bläserfigur führt Williams etwa in „The Ferry Scene" als Motiv für die gigantischen, dreibeinigen Zerstörungsmaschinen der Aliens ein und greift es in einigen weiteren Tracks des Albums (etwa in „The Intersection Scene") partikelweise erneut auf.
Beim Anhören des im Überfluss vorhandenen Actionscorings offenbart sich dem Hörer jedoch auch ein nicht zu leugnender Schwachpunkt des Scores – so fallen jene Passagen durch ihre enorme Energie zwar äußerst mitreißend aus und erreichen zweifellos handwerkliche Perfektion, doch grundlegend neu ist das an Actionmusik Gebotene trotz des konsequent modernistischen Klangkonzepts nicht. Oft fühlt man sich an diverse andere Werke des Komponisten erinnert, neben dem bereits erwähnten Jaws bildeten auch die non-thematischen Actionparts der Jurassic Park- und Star Wars-Musiken eindeutige Inspirationsquellen. Von einer einfallslosen oder gar banalen Machart kann hier freilich keine Rede sein, der etwas routiniert wirkende Charakter mancher Passagen ist jedoch unüberhörbar. Wahre Höhepunkte des Scores zu War of the Worlds bilden hingegen die ausgeprägt avantgardistischen, teilweise dodekaphonisch anmutenden Teile der Partitur, etwa in Stücken wie „The Confrontation with Ogilvy" und „Probing The Basement". Hier gleitet Williams' Musik teilweise in völlige Atonalität ab; mit Clusterfiguren, harschen Streicherglissandi, Holzbläser-Trillern in extrem hohen Lagen und gelegentlich hinzutretenden, dissonanten Chorälen nähert sich der Komponist stark den ausgefeilten Klangpanoramen seiner Close Encounters of the Third Kind-Partitur. Innerhalb des eher gemäßigten Spätwerks von John Williams nehmen diese, von extremen Dissonanzen geprägten Teile des War of the Worlds-Scores eine stark exponierte Stellung ein und stellen somit ein erfreuliches Ausnahmeereignis im Williams-Oeuvre der letzten Jahre dar.
Die rar gesähten, etwas emotionaleren Momente des Scores („Ray and Rachel", „Refugee Status"), welche streckenweise an die williamschen Filmpartituren zu JFK und Born On The 4th Of July und somit an Samuel Barbers „Adagio for Strings" erinnern, gestalten sich ebenfalls fast ausnahmslos herb, unmelodiös und kühl. Selbst ein im Track „The Separation of the Familiy" anzutreffendes Klaviermotiv für die zerbrochene Familie Ferrier gestaltet sich völlig disharmonisch und verdeutlicht somit die aussichtslose Situation der Protagonisten. Sehr interessant fällt zudem die Einarbeitung einer dissonanten, von einer Solo-Trompete angestimmten Militärhyme im Track „Refugee Status" aus, welche die (militärische) Machtlosigkeit gegenüber den außerirdischen Invasoren musikalisch durchaus gelungen darstellt.
Weshalb War of the Worlds letzten Endes nicht ganz das Niveau der insgesamt noch ausgereifteren Musik zu Minority Report erreicht und „nur" im Bereich von (stark aufwärts tendierenden) 4 Punkten angesiedelt werden kann, zeigt sich, wie bereits erwähnt, bei genauerer Betrachtung des Actionscorings: zwar ergibt die musikalische Routine, gepaart mit Williams' ausgeprägtem handwerklichen Können, durchaus mitreißende, eindrucksvolle Momente, allerdings kann der daraus resultierende, stellenweise sehr hohe Unterhaltungswert dieser Passagen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Maestro hier besonders stark seinen handwerklichen Fähigkeiten vertraut hat. Die etwas unscheinbar ausgefallene Motivarbeit soll dem Komponisten hier nicht zum Vorwurf gemacht werden, so zeigt sich der Verzicht auf eine ausgeprägte thematisch-motivische Gestaltung im Hinblick auf das modernistisch-schroffe Klangkonzept in sich absolut schlüssig. Unterm Strich erhält der Hörer somit (abgesehen von den Schwächen im Bereich des eher routiniert anmutenden Actionscorings) ein wuchtig-mitreißendes, interessant konzipiertes und modernistisch-scharfkantiges Hörerlebnis, das passagenweise deutlich (!) am zusätzlichen halben Wertungspunkt kratzt – der vierminütige Track „Confrontation with Ogilvy" kann gar zu den interessantesten Williams-Stücken der letzten Jahre gezählt werden. Die konsequent dissonante und auf melodische Gefälligkeit verzichtende Gestaltung des Scores macht War of the Worlds letztendlich zu einer der wohl sperrigsten Filmmusiken im williamschen Spätwerk, die jedoch erneut das starke Streben ihres Schöpfers nach fortschrittlichen musikalischen Ausdrucksformen vor Augen führt.
Sebastian Schwittay, 22.07.2005
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