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Rezensionen - Lord of the Rings: The Fellowship of the Ring, The
 


Howard Shore
-

Durch Ridley Scotts Sandalenfilm Gladiator aus dem Jahre 2000 und  Peter Jacksons Verfilmung der Herr der Ringe-Trilogie (2001-2003) von J.R.R. Tolkien wurde in Hollywood zu Beginn des neuen Jahrhunderts das Epos wieder salonfähig gemacht. Die großen Spektakel florieren glänzend und treiben die Massen in die Kinos. 

Tatsächlich haben Produktionskosten, Einspielergebnisse und nicht zuletzt die Masse überflüssig bis absurder Merchandising-Produkte beim Herrn der Ringe ungeheuerliche Ausmaße; da ist es umso erfreulicher, dass es in diesem Fall auch um die inneren „Werte" keineswegs schlecht bestellt ist:  Zwar mag der Besuch der Filme keine revolutionären cineastischen Erkenntnisse zu offenbaren, aber trotzdem fesselt Tolkiens Mittelerde mit seiner packend (wenn auch für viele Kenner des Buches zwiespältig) aufbereiteten Story um Gut und Böse, eindrucksvollen Bilden in teilweise rasanten Kamerafahrten, ausgezeichneten Spezialeffekten und nicht zuletzt guten bis hervorragenden Darstellerleistungen sein Millionenpublikum doch vollkommen zurecht.

An dieser Stelle soll niemand mit noch einer Inhaltsangabe des Films gelangweilt, sondern das Augenmerk des geneigten Lesers möglichst schnell auf die dazugehörige Musik gelenkt werden. Auch für diese gelten ausnahmslos  die schon dem Film zugestandenen Attribute: Howard Shores opernhafte, in ihrer Monumentalität und Konsequenz überzeugende Komposition ist eine der hörenswertesten Filmmusiken der letzten Jahre, aber kein bahnbrechendes Meisterwerk.

Neben einem Füllhorn exquisiter Themen und Motive stützen sich die Ringe-Partituren hauptsächlich auf archaisch, oft auch roh und schmucklos anmutende Orchestrierungen, die trotzdem die verschiedenen klanglichen Möglichkeiten der beteiligten und durchweg hochkarätigen Ensembles optimal ausreizen: Weit über 100 Spieler des London Philharmonic Orchestra (bzw. für die bereits ein halbes Jahr zuvor aufgenommenen Moria-Sequenzen des New Zealand Symphony Orchestra), die mehr als 60-köpfigen London Voices, der Knabenchor der London Oratory School (sowie, wiederum für die Schlachten-Sequenzen in Moria, ein Maori-Chor mit 300 Mitgliedern) und etliche Solisten nutzt Howard Shore vielfältig, um die zahlreichen Facetten von Tolkiens Mittelerde einzufangen.

Zwar verrät die Musik zu Die Gefährten nicht viel von dem Howard Shore, der in den Jahren zuvor durch so erfrischend modernistische Tonschöpfungen wie The Cell, Existenz oder (in Ansätzen) The Yards aufgefallen war. Und doch unterscheiden sich Die Gefährten graduell von den meisten episch angelegten Filmmusiken des Golden Age wie auch von John Williams' Star Wars-Musiken (und deren zahllosen Nachahmern): In weiten Teilen düster gehalten, schreckt der Komponist auch vorm Einsatz punktueller Dissonanzen nicht zurück. Außerdem wird man beim ersten Hören die Pracht heroischer, weit ausschwingender Themen weitestgehend vergeblich suchen...

Trotz dieses erst einmal unscheinbaren Eindrucks muss man diese Partitur als eines der gelungensten Beispiele für wagnerianische Leitmotivik der letzten Zeit bezeichnen. Tatsächlich treten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, schon im ersten Teil alle zentralen Motive der Trilogie auf, von denen allerdings manche nur bruchstückhaft skizziert vorkommen. Die beiden zentralen, eng miteinander verknüpften Themen der Musik liegen jedoch bereits hier voll entwickelt vor: Da ist erst einmal das schlichte, arglose Thema der Hobbits, der friedlichen und naiven Auenland-Bewohner, das entweder von irischer Flöte, Fiedel oder Streichern vorgetragen wird („Concerning Hobbits") und einen merklich keltischen Einschlag hat. Aus den letzten Akkorden dieses einprägsamen Einfalls entwickelt Shore das Gefährten-Thema, ein heroisches Trompeten-Thema, das im elften Track, „The Ring Goes South" in einer besonders gelungenen, strahlenden Variation auftritt, aber ebenso als Action-Motiv in den düsteren Stücken der zweiten CD-Hälfte zu gefallen weiß. Bemerkenswert ist auch das Thema für den titelgebenden (Herrscher-)Ring; der Komponist ist sich der imminenten Bedeutung dieses nicht-menschlichen Protagonisten offenbar voll bewusst: Die Ausdrucksvielfalt des aus neun Noten bestehenden Moll-Themas reicht von Beklemmung und Gefahr bis hin zu tragischer Schicksalhaftigkeit („The Great River").

Ein weiterer sehr begrüßenswerter Aspekt, der Die Gefährten sehr abwechslungsreich gestaltet, sind deutliche Unterschiede der Tonsprache innerhalb der Partitur, die sich durch die zahlreichen, fantasievoll ausgestatteten Locations des Films begründen: Außerhalb der schon erwähnten, eher transparenten und lyrischen Klangkulisse für das idyllische Auenland ist die Untermalung zu den letzten Refugien der unsterblichen Elben erwähnenswert. Während der große Frauenchor und wogende Streicherarpeggios für das pittoreske Bruchtal eine fast sakrale Stimmung erzeugen, haben die Szenen im Waldreich Lothlórien, mit Sithar und indisch anmutenden Vocalisen, etwas Mystisches. Zwar dominiert in der Vertonung der zahlreichen Action-Szenen des Films zumeist orchestraler Bombast, aber dennoch lässt sich ein deutlicher Unterschied zwischen  den voll auskomponierten, epischen Stücken zu Beginn der CD („The Treason Of Isengard", mit eindrucksvollen, mehrstimmigen Chorälen) und den ostinaten, vorantreibenden Schlachten-Musiken des Schlussteils bemerken („The Bridge of Khazad Dum", akzentuiert von den stimmgewaltigen, lautmalerischen Effekten des 300 Mitglieder zählenden Maori-Chors). Auch in ruhigeren Momenten setzt Howard Shore auf Gesang: Zahlreiche Vokalisen, von verschiedenen Solisten interpretiert, sorgen besonders im Abschlusstrack, „The Breaking of the Fellowship", der gleichzeitig eine Retrospektive auf das thematische Material des Scores bildet, für emotionale, melodisch ansprechende Momente. Die irische Sängerin Enya hat mit dem Liebesthema für Aragorn und Arwen (in „The Council of Elrond") und „May It Be" zwei stimmige Songs beigesteuert, in denen Shore bei der orchestralen Begleitung hörbar mitgewirkt hat, wenn auch der Kompositions-Credit allein Enya nennt.

Bei all den lobenden Worten darf aber nicht vergessen werden, dass die Herr der Ringe-Musiken zwar effektvolle, aber nicht besonders anspruchsvolle oder komplexe Kompositionen darstellen, die trotz ihrer Monumentalität nach mehrfachem Hören doch gewisse Abnutzungserscheinungen zeigen: Das in der ersten Hälfte des Albums massiert eingesetzte, chorale Thema der Ringgeister etwa klingt sehr stark nach Orffs „Carmina Burana", Klischees gerade in den Schock-Momenten (Violinen-Tremoli, uniforme Dynamik und Begleitung) hinterlassen ebenfalls den Eindruck fehlenden Raffinements und mangelnder Detailverliebtheit; eine gewisse Grobschlächtigkeit ist insbesondere in den Moria-Passagen, die in ihrer Machart mit Orgelpunkt, unermüdlichen Kaskaden-Effekten des Blechs und Chor-Untermalung schon die Die Zwei Türme vorausahnen lassen, nicht zu überhören.

Kritik muss sich auch die Aufnahmetechnik gefallen lassen: Der Sound ist leider alles andere als klar, was an den ausgezeichneten technischen Voraussetzungen der berühmten Londoner Abbey Road-Studios nicht gelegen haben kann. Zu allem Überfluss wurde das Klanggeschehen auch noch mit extrem viel Raumhall versehen. Booklet und optische Aufmachung fallen hingegen (mit Filmfotos, Liedtexten sowie Kommentaren von Regisseur und Komponist) gut aus. 

Fazit: Bei Howard Shores Musik zu Die Gefährten handelt es sich um eine der besonders gelungenen epischen Filmmusiken der letzten Jahre, die viele Liebhaber gefunden hat. Der zwar kompositorisch einfach gehaltenen, aber konzeptionell sehr stimmigen und in weiten Teilen abwechslungsreichen Komposition lässt sich emotionale Breitenwirkung kaum absprechen; sie hat für viele junge Filmmusikhörer eine ähnlich „bekehrende" Wirkung gehabt wie seinerzeit Star Wars oder Jurassic Park. Auch lässt sich (z.B. in The Matrix: Revolutions) der Einfluss dieser Partitur auf andere Komponisten schon jetzt deutlich absehen.
Jonas Uchtmann, 04.12.2003


Details zum Soundtrack



I. Die Musik

4.5 von 6 Punkten


I. Die Alben

-CD-

Spielzeit:
6 von 6 Punkten
Klangqualität:
4 von 6 Punkten
Schnitt:
5 von 6 Punkten
Begleittexte:
4 von 6 Punkten

Unterhaltung:
5 von 6 Punkten
Anspruch:
4 von 6 Punkten


Letzte Änderung: 14.08.2010 | Webmaster: Jonas Uchtmann | © Layout dieser Website by Adrian Werner & Jonas Uchtmann, 2002–2010.