Monster gilt als filmisches Denkmal für eine Verzweifelte. Drehbuchautorin und Regisseurin Patty Jenkins hat die wahre Geschichte der Mörderin Aileen „Lee" Wuornos aufgegriffen und versucht, ihren Werdegang vom Opfer zur Täterin differenziert nachzuzeichnen. Partei ergreift die Filmemacherin nicht. Ihr war es wichtig, sie nicht nur als Mörderin zu zeigen, sondern auch von den Umständen zu erzählen, die Lee dazu gemacht haben.
Zum Inhalt
Lee Wuornos muss sich ihren Lebensunterhalt als Prostituierte verdienen. Regelmäßig erfährt sie Gewalt und Erniedrigung. Als sie wieder einmal an einen gewalttätigen Freier gerät, der sie grausam misshandelt, greift Lee in eine Tasche des Freiers und hat plötzlich einen Revolver in der Hand. Sie richtet den Revolver auf ihren Peiniger und erschießt ihn aus Notwehr.
Nach der ersten Tat ist sie in überschwänglicher, maniehafter Stimmung: „Ich werde Präsidentin der USA", erzählt sie ihrer neuen Freundin. Da sie nun nicht mehr als Prostituierte arbeiten will, bemüht sie sich um geregelte Arbeit, überschätzt sich natürlich und gerät in den Zustand höchster Frustration. Bei diversen Vorstellungsgesprächen wird sie als unfähig entlarvt, weil sie keine Referenzen und auch keinen Lebenslauf vorlegen kann. Es kommt so, wie es kommen musste: Die Wut steigt und der nächstbeste Freier, der vulgär wird, ist ihr nächste Opfer. Lee zieht nach einem Moment des Innehaltens die Waffe und erschießt ihn mit mehreren Schüssen. Dieser zweite Mord ist eine Schlüsselszene. Die erste Tat war Notwehr, doch jetzt – nach diesem zweiten Opfer – ist das Morden ein Ventil für Lee. Von außen betrachtet wirkt das Verhalten ähnlich wie ein Zwang oder eine Sucht. Menschen wie Wuonos haben durch ihre unermessliche Wut einen unbändigen Appetit nach Macht. Wuornos hat einen Revolver und nun hat sie auch die Macht. Jahrzehntelang wurde sie von Männern erniedrigt, misshandelt und missbraucht. Jetzt aber hat sie erstmalig die Möglichkeit, den Spieß herumzudrehen, sich über die Männer zu erheben und sie umzubringen.
Als Trigger genügt der berühmte Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt. Es kann (wie im Film gezeigt) ein autoritär auftretender Arbeitgeber sein oder ein Polizist. Dann schäumt sie vor Wut, sucht einen Mann und tötet ihn. Zu Begin ihrer Mordserie achtet sie darauf, nur provozierende Männer zu töten; sie selektiert noch. Später ist es ihr gleichgültig. Die Wut tritt hervor wie ein Dämon, daraufhin macht sie sich an einen Mann heran und ermordet ihn. Selbst wenn der Mann hilfsbereit und umgänglich ist, Lee zeigt keine Gnade. Das gehetzte Gefühl nach Macht und die unbändige Gier nach Rache lassen sie wie einen Automaten handeln. Das unstillbare Bedürfnis nach Macht zu befriedigen ist für sie wie ein Rausch. Nach den ersten Morden war es für sie Befreiung; immer wieder giert sie nach diesem Gefühl; sie will es so empfinden wie beim ersten oder zweiten Mord. Doch später, wenn es für sie komplizierter wird, ihre Taten zu vertuschen, überlagert die Angst (entdeckt zu werden) die Hochstimmung und den Rausch. Das Morden wird zur Routine, dient der Beschaffung eines Fahrzeuges oder Geld. Später mordet sie sogar unter starkem Alkoholeinfluss. Diese Tat ist besonders perfide: Wie aus Langeweile lässt sie sich von einem Mann mitnehmen, und obgleich sich dieser besonders hilfsbereit zeigt, tötet sie auch ihn, enthemmt durch Alkohol. Dass sie Unrecht begeht ist ihr bewusst, aber sie ist immer ihrer eigenen Wut und Rachsucht ausgeliefert.
All dies spielt die junge südafrikanische Schauspielerin Charlize Theron auf unschlagbar hohem Niveau. Sie selbst wurde in ihrer Jugend mit Waffengewalt traumatisiert: Ihre Mutter erschoss ihren Vater, weil dieser betrunken beide töten wollte. Theron kann sich daher erschreckend plausibel in die kranke Mörderin hineinfühlen. Die Wutanfälle, Schimpf-Kanonaden und die grüblerische Niedergeschlagenheit, die sich im Film mit den Morden abwechseln, kann man am Spiel Therons wunderbar nachvollziehen. Mit Regisseurin Patty Jenkins hat sich die Schauspielerin Filme über Wuornos angesehen und sie genau studiert. Ihr maskuliner Gang, ihre grobe Mimik, das zerfahrene Reden (Gedankengleiten, Wortverdrehungen, ansatzweises Faseln, verwaschene Aussprache) sowie ihr allgemein grobschlächtiges und unkultiviertes Gebaren waren eine Herausforderung für Theron. Ihre Arbeit an der Rolle wurde letzen Endes mit einem Oscar (beste weibliche Hauptrolle) und einem Golden Globe (beste Schauspielerin) zu Recht belohnt.
Etwas überzogen ist die oft überbewertete maskenbildnerische Arbeit. Theron – von Natur aus eine echte Schönheit – musste durch umfangreiche Kosmetik auf hässlich getrimmt werden. Durch die künstliche Epidermis hat Therons Gesicht den Anstrich einer künstlichen „Plastik-Fratze". Auch fällt auf, dass Theron eine Aufsteck-Zahnschiene trägt, um dem Zahnbelag von Wuornos gerecht zu werden. Dadurch musste die Schauspielerin zwangsläufig die Mundwinkel nach unten ziehen, weil das Sprechen mit dem künstlichen Gebiss-Aufsatz mühsam ist. Somit finde ich die Maske angemessen, aber auch nicht so spektakulär, wie es gerne in anderen Besprechungen behauptet wird.
Psychiatrie, Todesstrafe und Dekadenz
Differentialdiagnostisch handelt es sich bei Wuornos um eine „antisoziale Persönlichkeit". Die A-Kriterien nach DSM-IV sind:
(1) Versagen, sich in Bezug auf gesetzmäßiges Verhalten gesellschaftlichen Normen anzupassen, was sich in wiederholtem Begehen von Handlungen äußert, die einen Grund für eine Festnahme darstellen.
(2) Falschheit, die sich in wiederholtem Lügen, dem Gebrauch von Decknamen oder dem Betrügen anderer zum persönlichen Vorteil oder Vergnügen äußert.
(3) Impulsivität oder das Versagen, vorausschauend zu planen.
(4) Reizbarkeit und Aggressivität, die sich in wiederholten Schlägereien oder Überfällen äußern.
(5) rücksichtslose Missachtung der eigenen Sicherheit bzw. der Sicherheit anderer.
(6) durchgängige Verantwortungslosigkeit, die sich im wiederholten Versagen zeigt, eine dauerhafte Tätigkeit auszuüben oder finanziellen Verpflichtungen nachzukommen.
(7) fehlende Reue, die sich in Gleichgültigkeit oder Rationalisierung äußert, wenn die Person andere Menschen gekränkt, misshandelt oder bestohlen hat.
Von diesen A-Kriterien müssen mindestens drei erfüllt sein; realistisch betrachtet trafen vermutlich alle auf Lee zu.[1] Ferner dürften aufgrund traumatischer Erlebnisse depressive Episoden ihr Leben geprägt haben. Eine Intelligenzminderung liegt ebenfalls im Rahmen des Möglichen. Ihr IQ lag vermutlich knapp über der Grenze zur Debilität bei 70-85 Punkten. Weitere psychische Krankheiten: Rauchen (ICD F17.2) und Alkoholsucht.
Nach der Ergreifung von Wuornos wurde sie von der Geschworenen-Jury zum Tode verurteilt. Die näheren Umstände, die aus ihr eine Mörderin gemacht haben, wurden natürlich missachtet: Ihre schreckliche Kindheit, emotionale Verwahrlosung, Drogensucht, wenig Begabung, ihre psychischen Krankheiten und sicher noch viele andere Prädispositionen wurden unter den Teppich gekehrt. Dieses elende Geschöpf, das nie wirkliche Freude am Leben hatte, wurde nach seiner Ergreifung dem Psycho-Terror der Todeszelle ausgesetzt, bis zum Tage ihrer Hinrichtung durch die Giftspritze (besonders makaber für Kenner: jahrelang hat sie sich mit Nervengiften die Gesundheit ruiniert und später wird sie mit Blausäure hingerichtet). Natürlich ist sie eine kaltschnäuzige Mörderin und natürlich musste sie streng betraft werden. Aber wenn man die Augen vor den Umständen verschließt und die Todesstrafe verhängt, begibt man sich auf ähnlich primitives Niveau wie die Mörderin.
Soziologen umschreiben in einem solchen Zusammenhang auch gerne den sogenannten „fundamentalen Attributionsfehler". Die Attributionstheorie (Fritz Heider, 1977) sagt uns: „In Notsituationen geht es z.B. um folgende Frage: Wird dem Opfer Verantwortung für die Entstehung seiner Notlage zugeschrieben, oder wird das Auftreten der Notlage auf Faktoren zurückgeführt, die das Opfer nicht kontrollieren kann (Verantwortungsattribution)?" Auf den Fall Wuornos übertragen: gäbe es in den Vereinigten Staaten strengere Waffengesetzte, dann hätte ihr erstes Mordopfer womöglich keinen Revolver bei sich geführt. Somit wäre die Serienmörderin wahrscheinlich nie an eine Schusswaffe gekommen. Sicher wäre sie irgendwann wegen Diebstahls oder ähnlichem im Gefängnis gelandet, aber eine Karriere als Serien-Mörderin wäre unwahrscheinlich geblieben. „Dummen“ Menschen das Recht einzuräumen eine Waffe zu besitzen, ist genauso töricht, als gäbe man einem Kleinkind einen geladenen und entsicherten Revolver in die Hand, um zu sehen was passiert. Die Misshandlungen und Verwahrlosungen, die Lee Wuornos erleiden musste, konnte sie (es ist müßig dies zu sagen) natürlich ebenfalls nicht kontrollieren.
Viele grausame Umstände haben Wuornos zu dem geformt, was sie letzten Endes geworden ist. Die Dumme ist die Täterin, doch die Richter und Geschworenen, die die näheren Umstände nicht sehen wollen, können oder dürfen, folgen dieser speziellen Dummheit, die in Fachkreisen auch „Dekadenz" genannt wird. Präziser formuliert: „Die Krankheit Dekadenz". Natürlich will die Bevölkerung, dass Mord gerächt wird, dies ist auch in gewissem Maße richtig. Besser wäre aber die Prophylaxe und auch die Heilung von verzweifelten und kranken Menschen. Bewährte toxikologische, behavioristische und soziologische Maßnahmen gibt es zuhauf (wie dem Literaturnachweis zu entnehmen ist), doch dessen Etablierung gestaltet sich schwierig. Es ist nicht die Dummheit, es ist die schon angesprochene Dekadenz, die ihre Opfer (Politiker und Wissenschaftler) handlungsunfähig macht. Der Dumme (im Film: „die Dumme") glaubt an die vermeintlich nicht Dummen, die mit der Krankheit Dekadenz infiziert sind.
Man weiß: Dekadenz ist ansteckend, gleich einer Seuche, einem Waldfeuer breitet sie sich aus und noch kennt kaum jemand das Gegengift. Fataler Weise tötet die „Krankheit Dekadenz" ihre Opfer nicht, nein, sie lässt sie infiziert mäandern, ohne ihnen ihre Sinne wiederzugeben. Also ecken sie an jedem Hindernis an und wundern sich noch darüber. Doch hüten sie sich davor, sich zuviel zu wundern, denn sie ahnen wohl: „Dünn ist das Eis, das uns Boden heißt, wehe nur, wenn es bricht." Desgleichen ahnen sie wohl auch, dass alles Leben im Fluss ist und nichts außerhalb, dass die Zeit Dinge ändert wie der Frühling das Tauwetter bringt. Groß wird das Wehgeschrei und Klagen sein, doch wer soll es hören? „Gott ist tot, wisst ihr das noch nicht?“ – "Nein!". Erbarmen gibt es hier nicht, gibt es nirgends: „Wer nicht schwimmen kann, wird es nimmermehr lernen. Er wird in der eisigen Wässrigkeit untergehen, auf dass er dort sein kühles Grab, sein letztes Nichts finden wird."
„Quem Deus vult perdere, prius dementat!" - Konrad Lorenz
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[1] B-Kriterium: Person muss mindestens 18 Jahre alt sein; C-Kriterium: vor dem 15. Lebensjahr musste eine Störung des Sozialverhalten vorliegen; D-Kriterium: Verhaltensmuster durfte nicht vorübergehend im Rahmen einer Schizophrenie oder einer Manie auftreten. Alle 4 Kriterien müssen für die Diagnose „Antisoziale Persönlichkeit" erfüllt sein.
Wir danken dem Diplom-Psychologen Dr. Oliver Walter für die ausführliche differential-diagnostische Fachberatung.
Widmung: Dieses Special widmet der Autor Herrn M.S.J.
Links:
Literatur:
- Prof. Dr. Max Daunderer * „Gifte im Alltag" * C.H.Beck Verlag
- Prof. Robert S. Mendelsohn * „Männermacht Medizin"
- Alice Miller * „Am Anfang war Erziehung" * Suhrkamp
- Rainer Tölle * „Psychiatrie" * Springer Verlag
- Saß, Wittchen, Zaudig & Houben * „Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störung" (Textrevision - DSM-IV-TR) * Hogrefe Verlag
- Michael Reynolds * „Ich hasse alle Männer. Die unfaßbare Geschichte einer Serienmörderin" * Heyne Verlag
Oliver M. Strate, 15.05.2005
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