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Editorial
29.12.07

Früher war alles besser – seit der Antike ist diese Formel wehmütigen Zurückblickens als Teil unseres kulturellen Denkens verbürgt. Und so natürlich das hinter ihr steckende Bedürfnis nach der Verklärung des Vergangenen auch sein mag, so gefährlich potenziert sie sich dort, wo das hinter ihr steckende Gedankengut in pauschalen Konservatismus mündet. Trotz aller Vorbehalte: eine gewisse Berechtigung hat diese Redensart der ewig Gestrigen immer dort, wo nicht krampfhaft versucht wird, zeitlichen Wandel aufzuhalten (ein an sich schon hoffnungsloses Unterfangen), sondern dort, wo Stagnation und Rezession auf intellektueller Ebene thematisiert wird.

Was dies mit einem Rückblick auf das Filmmusikjahr 2007 zu tun hat, wird der Leser
längst bemerkt haben: Filmmusikalische Jahresrückblicke zu schreiben bedeutet, Jahr für Jahr das immergleiche Fazit zu ziehen – Früher war alles besser: Denn die aktuelle Filmmusikproduktion befindet sich, wie man in schöner Regelmäßigkeit feststellt, auf einem kreativen Tiefpunkt ungekannten Ausmaßes. So bedenklich dies auch ist, hat es unter anderem die Folge, dass die Veröffentlichungssituation für Sammler so gut ist wie nie zuvor: Viele Schätze aus filmmusikalischer Vorzeit werden erstmals gehoben und endlich in würdiger Weise auf CD veröffentlicht.
 
Doch zurück zum status quo: Wieder einmal enthält die Aufzählung der besten Musiken des Jahres zwei Animation- bzw. Komödienfilmmusiken – nach Chicken Run (2000), Shrek (2001), Looney Tunes: Back in Action (2003) und The Incredibles (2004) u.v.a. Titeln der letzten Jahren sind es diesmal Michael Giacchinos Ratatouille und As You Like It von Patrick Doyle.
Bei allem Respekt vor dem technisch nicht unanspruchsvollen Genre des Trickfilmscorings kommt dieser Zustand letztlich einem Armutszeugnis gleich, weil man nicht umhin kommt festzustellen, dass der klassische Vertonungsstil des amerikanischen Films, der auf der Fruchtbarmachung europäischer Kunstmusiktradition fußte, so gut wie tot ist.

Häufig liest man dazu, dass der seit den 1960er Jahren ersterbende Einfluss der Kunstmusik auf die Gestaltung von Filmmusik (primär der Großgattungen Programm-Sinfonie und Oper) durch John Williams’ Star Wars noch einmal aufgehalten werden konnte. So grotesk es auch anmutet, einem einzelnen Werk eine derartige Bedeutung beizumessen (gänzlich unterbrochen war die großorchestral-sinfonische Traditionslinie ohnehin nie), so richtig bleibt die Feststellung, dass ab der zweiten Hälfte der 70er Jahre (auch im Zuge finanzieller Konsolidierung der Filmstudios) eine verstärkte Rückkehr zu größeren, traditionell besetzen Klangapparaten stattgefunden hat, die von Komponisten wie Williams, Goldsmith oder dem frühen Horner in oft genialischer Weise aufgenommen wurden.

Einflüsse vermeintlich „grassierender“ Popularmusik, als deren Antithese Star Wars, Star Trek und Co. gedeutet wurden, konnten dadurch freilich nicht zurückgedrängt werden. In einem schleichenden Prozess haben sie, gleichsam durch die Hintertür, sogar noch an Einfluss gewonnen: Großorchestrale Kinosinfonik und Mainstream-Pop sind in den letzen 15 Jahren eine unheilvolle Symbiose eingegangen, für die sich der Name „Popsinfonik“ durchzusetzen scheint – doch wäre „Orchesterpop“ die bei weitem zutreffendere Bezeichnung dieses neuen Stils: Statt der Filmmusik, wie im späten Golden und frühen Silver Age, frische Impulse von bleibendem Wert zu verleihen, dient Popmusik heute somit allzu oft der Verwässerung der Filmmusik, sei es in Form der beschriebenen Mesalliance von Pop und Kunstmusik oder isoliert davon: bar jeder szenisch-dramaturgischen Funktion und einzig auf das Ziel ausgerichtet, dem Zeitgeist zu entsprechen.
 
Dies ist freilich nur einer der vielen Gründe, die zum schleichenden Niedergang der Kunstform Filmmsik beitragen. „Schuld“ an diesen Missständen tragen viele: Produzenten, die ihr Publikum fürchten, Regisseure, die ihre Produzenten fürchten, Komponisten, denen – teils aufgrund schlechter Ausbildung teils aufgrund von Unerfahrenheit – die unrühmliche Rolle zufällt, allen drei Vorstellungen zugleich entsprechen zu müssen. Herauskommen kann dabei wenig anderes als gesichtslose Dutzendware: hölzerne Pathetik (Elizabeth – The Golden Age), biedere Funktionalität (1408) oder bemühte Stilplagiate ( Aliens versus Predator 2 - Requiem).

Let’s face it: Der Geist Max Steiners, Erich Wolfgang Korngolds und Alfred Newmans besteht fast ausschließlich in Ton- und Bildkonserven fort, wobei immerhin die Konservierung große Fortschritte macht: Korngold rückte anlässlich seines fünfzigsten Todestages durch gleich zwei Neueinspielungen seines magnum opus Sea Hawk in den Mittelpunkt des Interesses und die Rekonstruktion und Neuaufnahme von Mysterious Island und Fahrenheit 451 unter Morgan/Stromberg fügte der Diskographie des großen Bernard Herrmann in diesem Jahr zwei weitere essenzielle Scores zu.

Auch Freunden des Silver Age bietet sich Anlass zur Freude: Mit The Wind and the Lion und Alien sind zwei besonders wichtige und populäre Filmmusiken Jerry Goldsmiths erstmals vollständig und in editorisch vorbildlicher Weise einer breiten Hörerschaft zugänglich gemacht worden; auch John Williams’ bedeutender Avantgarde-Score Images wurde im Dezember erstmals legal veröffentlicht. Und natürlich, 
dies ist nur ein kleiner Auszug aus der großen Liste hochinteressanter Veröffentlichungen des zu Ende gehenden Jahres. Wobei auch 2007 wieder besonders erfreulich im Gedächtnis bleibt, dass neben den großen Namen auch weniger bekannte, oft zu Unrecht übersehene Komponisten wie David Shire oder Bronislaw Kaper diskographisch weiter erschlossen werden.

Früher war alles besser – drängt sich dieser Eindruck, zumindest in musikalischer Hinsicht, nicht selbst demjenigen auf, der sich nur drei der oben aufgeführten Scores mit Verstand angehört hat?

Allen Lesern einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2008!


Für die FilmmusikWelt-Redaktion,

Jonas Uchtmann

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